Von Erik Schöller

Helmut Schmidt ist tot. Ich sitze an meinem Laptop, als mein Handy vibriert und ich die Push-Nachricht von Spiegel Online lese. Daraufhin rattert es auf allen Kanälen. Wenn ein ganz großer Mensch stirbt, spürt man die Trauer. Auch wenn man die Person nicht persönlich kannte, so ist sie doch ganz nah. Man hat Bücher gelesen, Reden gehört, sich über ein Bild gefreut, das man auf Facebook gesehen hat. Helmut Schmidt war zweifelsohne eine große Persönlichkeit. Wenn man Helmut Schmidts Namen las oder ihn im Fernseher sah, wusste man, dass er etwas zu sagen hat. Es war nicht das schnörkelige Geschwurbel, sondern es waren präzise Gedanken, die durchdacht waren. Man mochte ihm nicht immer zustimmen, aber das war ihm auch egal, ob man das tat. Er war ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit einem echten Profil. Helmut Schmidt, das war eine Marke. Er war derjenige der rauchte, während alle anderen in der Kälte froren. Er beantwortete in Interviews manche Fragen erst gar nicht, wenn sie ihm zu doof erschienen oder traf sich zukünftig nicht mehr mit den Journalist_innen. Ob er ein Sturkopf war oder ein Mensch mit Beharrlichkeit, das muss jede_r selbst entscheiden.

Bei uns Jusos wird der Name Helmut Schmidt manchmal kritisch gesehen, gerade im Vergleich mit seinem Vorgänger Willy Brandt. Seien es der NATO-Doppelbeschluss, die Sozialpolitik, sein Agieren in der RAF-Zeit oder die Befürwortung von Kernenergie und Studiengebühren. Seine Meinungen waren nicht unumstritten. Jedoch waren die Zeiten, in denen er Kanzler war, von Krisen geplagt. Die Ölkrise brachte die Weltwirtschaft an den Rande des Kollapses; die Sonntagsfahrverbote stehen hierfür heute noch symbolisch, die RAF stellte die Bundesrepublik auf den Kopf, der Kalte Krieg nahm mit einem Wettrüsten und mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan erneut Fahrt auf. Am Ende seiner Amtszeit stand Helmut Schmidt isoliert da. Seine Koalition war zerbrochen und die SPD folgte seinem Kurs des NATO-Doppelbeschlusses nicht. Für seine Überzeugungen des moralischen Politikers war er bis zum Äußersten gegangen. Man erinnere sich an die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer oder die Entführung der Landshut. Schmidt war stets jemand, der wie der Fels in der Brandung erschien. Es fällt mir schwer, mir einen seiner Verdienste herauszusuchen, der mir am meisten imponiert hat. Für mich ist es sein Handeln bei der Sturmflut 1962 in Hamburg, als er Innensenator war. In der Stunde der größten Not, als Hamburg überflutet war, nutzte er seine Kontakte in Bundeswehr und NATO, um den Menschen zu helfen. Obwohl Einsätze des Militärs verboten waren, kümmerte er sich nicht um diese Gesetze, sondern warf die Fesseln ab und handelte moralisch richtig. Legal war das nicht, aber legitim. Er stellte sein eigenes Schicksal hinten an, um andere Menschen zu retten. Ein besseres Motiv kann es nicht geben.

In Hamburg sagt man Tschüss. Ich hoffe, dass es drüben kein Rauchverbot gibt. Und wenn, ist doch auch egal. Adieu!